Schweizer Woche 1995, November, Nr. 48


Wie wird die Situation in fünf Jahren aussehen? Wird dann ein weiteres Mal verkündet, die Telearbeit werde nächstens den Durchbruch schaffen?

Ich möchte keine Prognose wagen - es wurden schon zu viele gemacht, die sich dann als falsch erwiesen. Aber man kann sagen: Die wichtigste Voraussetzung für die weitere Verbreitung der Telearbeit wäre eine weniger ablehnende Haltung der Arbeitgeber, denn die Bereitschaft und das Interesse von seiten der Arbeitnehmer wären vorhanden.

Colette Blatti mit der sechsmonatigen Belinda: Dank alternierender Telearbeit kann sie Mutterschaft und Berufstätigkeit unter einen Hut bringen - und bleibt mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen in Kontakt. Einen Tag pro Woche arbeitet sie im Hauptsitz der IBM, weitere acht Stunden zu Hause: "Zwei Stunden pro Tag sind neben der Kinderbetreuung kein Problem."
 
 
 


Im Satellitenbüro wird der Teamgeist verstärkt

Die Firma Alcatel richtete vor über zehn Jahren im thurgauischen Aadorf einen derartigen Zweigbetrieb ein - allerdings nicht ganz freiwillig: In Zürich fanden sich keine qualifizierten Software-Entwickler mehr. Peter Schwager sagte es damals deutlich: «Ich arbeite für euch, aber ich mag nicht mehr in die Stadt pendeln.» Der Entscheid für das Satellitenbüro sei dann unbürokratisch und schnell gefällt worden, erinnert sich Schwager. Und das Interesse an den Arbeitsplätzen auf der grünen Wiese - direkt in der Wohngemeinde von Peter Schwager gelegen - war von Anfang an gross. Heute entwickeln in Aadorf sieben Software-Programmierer neue Programme, beispielsweise für den internationalen Auskunftsdienst. Fast alle wohnen in der näheren Umgebung, die meisten können mit dem Fahrrad oder gar zu Fuss kommen. Peter Schwager leitet das weitgehend autonome Aussenbüro. Wenn er einmal wöchentlich an den Hauptsitz nach Zürich reist, stellt er jeweils eine gewisse Anonymität fest: "Bei uns im Satellitenbüro kann man sich nicht verstecken, der persönliche Kontakt ist sehr wichtig. Man kann sich nicht querstellen." Der Erfolg der ausgegliederten Entwicklungsgruppe gab dem Modell recht: Die Effizienz in Aadorf ist sehr hoch. Zudem wird länger gearbeitet - die wegfallende Pendelkeit wird oft zur zusätzlichen Überzeit.

Familienvater Peter Schwager ist mit der Situation in Aadorf zufrieden. Einziges Problem: «Es ist schwierig, junge Mitarbeiter zu finden. Zum einen, weil sie das Pendeln weniger nervt - und zum andern wegen den Aufstiegsmöglichkeiten.» Tatsächlich gibt es in Aadorf nur gerade zwei Hierarchiestufen. «Wenn Leute von uns an den Hauptsitz wechseln, geht's immer um die Karriere», erklärt Schwager.

Eine weitere Möglichkeit, dezentral zu arbeiten, aber die zwischenmenschlichen Kontakte zu erhalten, ist die alternierende Telearbeit. Für diese Arbeitsform hat sich Colette Blatti entschieden. Die Geburt ihrer Tochter Belinda im Frühling dieses Jahres bedeutete für sie nicht das Ende der beruflichen Tätigkeit. Sie profitiert vom Mutterschaftsprogramm der Computerfirma IBM. «Ich hätte das Minimalpensum von 15 Stunden pro Woche auch zu Hause erfüllen können, doch ich wollte den Kontakt zu den Arbeitskollegen aufrechterhalten», sagt die junge Mutter. Jeden Mittwoch arbeitet sie deshalb am Hauptsitz und erfährt so immer, was in der Firma läuft. Weitere acht Stunden arbeitet sie zu Hause in Zürich-Altstetten. «Verteilt auf den Rest der Woche, macht das zwei Stunden pro Tag. Das ist - zumindest jetzt noch - neben dem Kind kein Problem», sagt sie. Die Aufträge und Abgabetermine für die Sekretariatsarbeiten schicken die Vorgesetzten - meistens Manager, die viel unterwegs sind - per Datenleitung direkt ins Laptop. «Wenn mal etwas sehr drin- gend ist und Belinda nicht schlafen will, kann ich sie zum Glück zur Grossmutter bringen», erklärt Blatti. Dank alternierender Telearbeit lassen sich Familie und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren - doch mehr als ihr 40-Prozent-Pensum kann und will Colette Blatti momentan nicht bewältigen.

Den Werber Hans-Peter Zutt bewogen Anfang der achtziger Jahre ähnliche Gründe, erste Versuche mit Telearbeit zu wagen. Da sich eine Familie und eine Managerkarriere in der Regel schlecht vertragen, schlossen er und sein Partner versuchsweise die Türen ihrer Büros und kommunizierten nur noch per Telefon. Das klappte gut, und bald richteten die beiden zu Hause Heimbüros ein. Heute besteht die Firma Zutt & Partner aus sechs mittels Kommunikationsnetzwerk verbundenen dezentralen Büros - eines davon in Zutts Alphütte im bündnerischen Riein/Signina, von wo aus der Familienvater wochenweise seine Agentur leitet. «Präsenz heisst ja nicht zwingend physische Präsenz», schmunzelt Zutt. Rund 80 Prozent der Tätigkeiten benötigten keine direkte Interaktion, meint er. Für den Rest müsse man aber konsequent Zeit einplanen und das offene Gespräch suchen. Der Werber liebt prägnante Formulierungen: «Neue Freiheit bringt auch neue Disziplin.»

Die Agentur funktioniert jedenfalls prächtig. Der Hauptharst befindet sich in Bubikon. Der Chef selbst agiert aber meistens im Büro in Wolfhausen, das an Zutts Wohnhaus angebaut ist. «Die direkte Verbindungstür zwischen der Wohnung und meiner Kommandozentrale werde ich bald zumauern», witzelt der Macher.

Der Pionier kennt die Gefahren der Telearbeit aus eigener Erfahrung. Wenn der Job so nahe ist, wird die Abgrenzung zum Privatleben schwierig. Eine Studie in England, dem in Europa führenden Teleworking-Land, jedenfalls ergab erst kürzlich, dass Heimarbeiter rund 11 Prozent länger arbeiten als im Büro. In den Vereinigten Staaten macht man sich deshalb bereits Gedanken darüber, wie man masslos streberische Telearbeiter bremsen könnte.

Werber Hans-Peter Zutt in seinem Garten im zürcherischen Wolfhausen: Per Kommunikationsnetzwerk erreicht er die Zweigstellen in seiner Agentur. Im Wohnhaus befindet sich auch seine Kommandozentrale: "Diese Nähe ist gefährlich - die klare Abgrenzung ist wichtig." Deshalb will er, wenn er mit Laptop und Natel draussen sitzt, nicht mit Privatem gestört werden.

Infos zur Telearbeit
Weitere Informationen zur Telearbeit gibt die Schweizerische Zentralstelle für Heimarbeit in Bern. Sie vermittelt auch Telearbeitsplätze. In Zusammenarbeit mit Zutt & Partner werden Beratungen bei technischen und organisatorischen Problemen beim Einrichten eines Telearbeitsplatzes geboten. Zurzeit wird eine Videodokumentation über Teleworking für Arbeitgeber produziert.
Kontaktadresse: Schweizerische Zentralstelle für Heimarbeit, Schwarztorstrasse 7, 3001 Bern, Telefon 031- 322 28 30, Fax 031- 322 27 54

Formen der Telearbeit

Alternierende Telearbeit
Die Telearbeiter sind abwechselnd zu Hause und im Büro tätig. Die sozialen Kontakte bleiben erhalten. Das Heimbüro ist per Datenleitung mit dem Arbeit- oder Auftraggeber verbunden. Der Arbeitsplatz im Büro wird bei einigen Modellen von mehreren Mitarbeitern benützt (Desk-sharing). Die häufigsten Varianten sind 4 + 1 (vier Tage im Büro, ein Tag zu Hause) oder 3 + 2.

Satellitenbüro
Eine Arbeitsgruppe eines Unternehmens wird dezentralisiert und über eine Datenleitung verbunden. Die Satellitenbüros werden meist in der Agglomeration eingerichtet. Dadurch entfallen Pendelwege in die grossen Städte. Und die Gruppen können autonom und ohne Störungen arbeiten. Zusätzlicher Vorteil: Der Teamgeist wird verstärkt.

Nachbarschaftsbüro
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Unternehmen arbeiten in einem gemeinsamen Büro in ihrer Nähe, beispielsweise in einem Nachbarschaftszentrum. Alle sind per Datenleitung mit ihrem Arbeitgeber verbunden. Dadurch bleiben die Arbeitswege kurz, und trotzdem droht keine Vereinsamung vor dem Bildschirm.

Isolierte Telearbeit
Die Arbeitnehmer richten in der Wohnung ihr Büro ein und sind per Datenleitung mit dem Arbeitgeber verbunden. Der direkte Kontakt beschränkt sich auf Sitzungen mit den Vorgesetzten. Der zwischenmenschliche Kontakt unter den Mitarbeitern fehlt, da im Unternehmen selbst kein Arbeitsplatz vorhanden ist.

DANIEL MEIER (TEXT)
MARCEL STUDER (FOTOS)